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Das Blei-Band entwickelt sich weiter

Das Blei-Band entwickelt sich weiter
02. September 2016
Foto: B + M Textil

Sehmatal-Cranzahl. Die EU-Kommission hat mit einer Änderung der REACH-Verordnung die Verwendung von Blei in Konsumartikeln eingeschränkt. Seit 1. Juni darf ein Produkt nur noch 0,05 Prozent Blei enthalten, beziehungsweise einen Bleiabgabegrenzwert von 0,05 μg/cm2 pro Stunde nicht überschreiten. Der Bleibandhersteller B+M Textil hat sich bereits seit einigen Jahren darauf eingestellt. Wir haben Geschäftsführer Niklas Weisel im Interview dazu befragt:

Welche Herausforderungen birgt die Änderung der EU-Verordnung in Bezug auf die Produktion für B + M Textil?

Niklas Weisel: Mit einer Produktionsmenge von ca. 17 Millionen Metern Beschwerungsbändern pro Jahr haben wir uns seit 2013 intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Entwicklungsrichtung eingeschlagen werden sollte. Wir haben alle Varianten und Ideen geprüft und unsere Artikel frühzeitig beim SGS Fresenius Institut prüfen lassen. Durch die Prüfergebnisse konnten wir abwägen, welche Produkte eine Chance haben, die von der europäischen Chemikalienagentur – ECHA – diskutierten Grenzwerte einzuhalten. Seit 2014 haben wir uns dann mit Möglichkeiten beschäftigt alle kritischen Produkte durch Beschwerungen auszutauschen, welche die Vorgaben erfüllen. Unsere Entwicklung haben wir vom SGS Fresenius Institut kontrollieren lassen und in stetiger Diskussion mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA, der Anlaufstelle für REACH-Themen in Deutschland, abgestimmt. In Anbetracht unserer Markterfahrung mit den verschiedenen Beschwerungsmaterialien Blei, Zink, Edelstahl und Kunststoff-Mineral-Kombinationen und dem Feedback unserer Kunden wurde absehbar, dass ein sicheres Bleiprodukt und Zinkbänder die größte Kundenakzeptanz erfahren würde. Ein vollständiger Technologiewechsel für den Gesamtjahresbedarf auf Zinkbänder wäre durch die enorme Umstellung im Maschinenpark in der Zeit auch nicht möglich gewesen. Daher haben wir uns darauf konzentriert eine Zwischenstufe zur Oberflächenversiegelung von Bleiteilen in unseren Herstellungsprozess zu integrieren. Dadurch können wir unseren entwickelten Qualitätsstandard in unseren Bleibeschwerungsprodukten beibehalten, alle benötigten Mengen abdecken und unsere Kunden ausreichend beliefern. Unsere Spezialprodukte der Kugel-/Schrotbeschwerungsbänder und Drahtbänder sind dabei eine besondere Herausforderung und wir arbeiten weiterhin mit Hochdruck daran für diese Produkte eine adäquate Alternative und ein wirtschaftliches Versiegelungsverfahren zu realisieren. Insofern ist unser gesamtes Team immer noch durch die Herausforderungen der EU-Verordnung gut eingebunden.

Warum hat man schon immer für Beschwerungen ausgerechnet Blei verwendet, was sind die Vorteile gegenüber anderer Materialien?

Weisel: Man kann sagen, dass Blei als Beschwerung für die Fensterdekoration das prädestinierte Material ist und sich dadurch auch bis heute behaupten konnte. Die Vorteile von Blei als Beschwerung sind die hohe Dichte des Metalls, das 50 Prozent schwerer ist als Zink und Edelstahl und dadurch sehr dünne Kordeln ergibt und sehr fein wirkt, bzw. nahezu unsichtbar ist. Blei bildet nach dem Waschen und in Kontakt mit Luft eine sehr stabile Passivierungsschicht. Im Unterschied zu Eisen und günstigen Edelstahllegierungen wird Blei niemals störenden Rost entwickeln. Bei B+M Textil verwenden wir deshalb nur von ausgewählt zuverlässigen Herstellern Edelstahlmaterialien, um hier eine hinreichende Sicherheit vor Rost gewährleisten zu können. Die Passivierungsschicht von Blei sorgt dafür, dass so gut wie kein Blei ins Wasser abgegeben wird. Das kann man daran erkennen, dass die Beschwerungsbänder mit Blei auch nach Jahrzehnten noch das gleiche Gewicht besitzen. Blei verfärbt keinen Stoff, es ist leicht zu verarbeiten und ein Rohstoff, dessen Verarbeitung sehr gut beherrscht wird. Im Gegensatz zu anderen Beschwerungsmetallen ist Blei deutlich weicher und dadurch mit geringem Energieaufwand zu verarbeiten. Blei ist seit langer Zeit ein Rohstoff, der nahezu zu 100 Prozent und mit geringem Energieaufwand recycelt werden kann. Wir arbeiten mit unseren Lieferanten beim Recycling eng zusammen und können dadurch eine hundertprozentige Recyclingquote von allen Bleibeschwerungsprodukten gewährleisten. Dieser Aspekt war uns auch bei der Entwicklung der EU konformen Ökoblei-Produkte wichtig. Daher haben wir darauf Wert gelegt, dass die Versiegelung keinen negativen Einfluss auf die Recyclingfähigkeit hat. Wir nehmen unsere Produkte am Produktlebensende oder Produktionsabfälle für das Recycling wieder zurück und sorgen für eine nachhaltige Verwertung des Wertstoffs.

Woraus besteht das Ökoblei?

Weisel: Unser Ökobleiprodukt ist eine mit Kunststoff versiegelte Variante unserer klassischen Fadenbleiprodukte. Beim Fadenblei sind einzelne Bleikörper auf einem Seelenfaden in gleichmäßigen Abständen aufgeperlt. Uns ist es beim Ökoblei nun gelungen nur die Bleikörper mit einer Kunststoffschicht zu versiegeln und den Seelenfaden frei zu lassen, damit erreichen wir die gewohnte Qualität mit der gleichbleibenden Geschmeidigkeit unserer Beschwerungsbänder. Gleichzeitig wird durch die zum Beispiel weiße Farbe der Lackversiegelung das Produkt noch hochwertiger. Das Ökoblei entspricht somit genau den Empfehlungen der europäischen Chemikalienagentur und der REACH-Verordnung des Anhang XVII.

Was ist der Vorteil von Zink bzw. Edelstahl?

Weisel: Der wesentliche Vorteil von Zink- und Edelstahlbeschwerungen ist, dass bei einer unsachgemäßen Entsorgung kein schädlicher Eintrag von Blei in die Umwelt entstehen kann. In Spezialtextilien in Bereichen mit extrem hohen Anforderungen wie Intensivstationen und Reinräume werden alle Risiken, die man bei Blei nicht gesondert abwägen möchte, häufig durch Edelstahlkugelbänder umgangen. Hier bieten die Edelstahlprodukte von B+M Textil durch eine normierte und zugelassene Materialkennung eine hochwertige Alternative. Zinkprodukte bieten im Vergleich zu Edelstahlbeschwerungen eine preiswertere Variante, die grundsätzlich alle Risiken von Blei für Menschen und besonders Kleinkinder ausschließen kann. Allerdings sind sowohl die Verarbeitung sehr aufwendig und der Rohstoff teurer. In der Verarbeitung von Edelstahlprodukten kann es dazu kommen, dass ein vorhandener Nadelsensor auf die Beschwerung reagiert und beim Abschalten der Sensoren Nadeln übersehen werden. Blei ist im Gegensatz zu Zink und Edelstahl sehr leicht zu schneiden, wodurch in der Fertigung keine speziellen Schneidwerkzeuge benötigt werden. Edelstahl- und Zinkbeschwerungen und jetzt auch Ökobleiprodukte sind für den Außenbereich eine sehr gute Lösung. In der Nähe von Meerwasser zum Beispiel auf Kreuzfahrtschiffen oder in Küstennähe sollte man durch die erhöhten Korrosionsanforderungen Zink- oder Ökobleiprodukte verwenden, da es hier sonst zu Korrosion kommen kann.

Bei Ihnen gibt es ja auch Bänder mit Stein, wie werden diese hergestellt?

Weisel: Unser Steinbandprodukt ist eine wirklich sehr natürliche Variante und dadurch auch nicht homogen in der Erscheinung. Die Steine werden nach Größe und Form sortiert und der Maschine zugeführt. Dieses Produkt ist bislang nur in kleiner Serie auf Kundenwunsch gefertigt worden. Das Produkt veranschaulicht aber sehr schön unsere Möglichkeiten auch speziellen Anforderungen gerecht zu werden. Anwendung findet dieses Produkt in besonders natürlichen Stoffen, bei denen der natürliche Charakter durch eine inhomogene Abschlusskante noch unterstrichen wird. Die besondere Viskose-Umflechtung auf der inhomogenen Steinform sorgt für ein sehr schönes Erscheinungsbild an Stellen, wo man die Beschwerung auch als Dekorationselement hervorheben möchte.

Wie sinnvoll ist die Verordnung in Ihren Augen?

Weisel: Die Ausführung der REACH-Verordnung und des Anhang XVII ist in unseren Augen absolut sinnvoll. Es ist vollkommen zu unterstützen, dass Produkte auf mögliche Gesundheits- und Umweltrisiken geprüft werden und mögliche Vermeidungsstrategien diskutiert werden. Der Verbraucherschutz und die Umwelt sollten bei der Entwicklung und dem Verkauf von Produkten eine starke Rolle einnehmen. Die Diskussion zu dem Vorschlag Blei und seine Produkte vollkommen zu verbieten hat nicht zu einem absoluten Verbot sondern in unserem Fall zu einer vernünftigen Verbesserung beim Verbraucherschutz bei Bleiprodukten geführt. Die Auflagen der europäischen Verordnung verlangen somit nur das heute technisch mögliche auch umzusetzen und dadurch Risiken beim Gebrauch und Umgang einzuschränken. Das Urteil der europäischen Kommission sieht den Einsatz in der Fensterdekoration auch nicht als so kritisch an, dass ein absolutes Verbot angemessen wäre, sondern eine Verbesserung des Produkts genügt. Diesen Beschluss können wir vollkommen unterstützen, da der Entscheidungsfreiheit und dem Schutz der Verbraucher entsprochen wird.

Herr Weisel, wir danken Ihnen für das Gespräch!

www.bm-textil.de
www.b-o-h-o.de

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