Raumausstatter

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Restaurierung: Raumausstatter als Denkmalpfleger

Restaurierung: Raumausstatter als Denkmalpfleger
10. Oktober 2019
Raumausstattung Graf

Edmund Graf arbeitet seit 50 Jahren als Raumausstatter und entdeckte früh seine Leidenschaft für Antiquitäten Durch seine Werkstatt gehen Sitzmöbel aus Königshäusern und bischöflichen Ordinariaten. Aktuell vollzieht der Raumausstatter-Betrieb mit 100jähriger Tradition einen Generationenwechsel: Seit dem vergangenen Jahr führt Nachfolger Jerome Wölfert das Unternehmen, während Graf noch beratend tätig ist.

Die Fauteuils, auf denen sich das letzte Kaiserpaar niederließ, oder „Victoria“, das allererste vierrädrige Fahrzeug von Benz & Co. – die musealen Schmückstücke, die Edmund Graf restauriert, haben Geschichte erlebt. Und diese Vita eines Möbels gilt es zu verstehen und zu erhalten. „Zehn-Gang Sprungfedern, hand- gedreht, verkupfert, mit zweifach Aufnähfaden am Gurtgrund befestigt. Deutsche Schnürung mit zweifach Schnürfaden, Stärke wie der Aufnähfaden“ dokumentiert Edmund Graf ein aktuelles Restaurierungsprojekt. Die Beschreibung des „überkommenen“ Zustands sei das A und O der Restaurierung, erklärt der Raumausstatter-Meister und Restaurator im Handwerk. Es gehe darum, dass so viel wie möglich von der Vita des Möbels erhalten bleibe. „Als ich in den 1960er-Jahren den Beruf des Raumausstatters gelernt habe, gab es noch keine Restauratoren. Damals wurde auch noch ganz anders gearbeitet. Erst in den 1990er-Jahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Der überkommenen Substanz wird viel mehr Bedeutung beigemessen, man wirft nicht alles raus.“ Nach der Bestandsaufnahme bestimmt der Restaurator die Epoche und dokumentiert eventuelle Reparaturen in der Vergangenheit. Dann erst wird ein Restaurierungsplan erstellt. Im Folgenden differenziert Graf zwischen musealem und privatem Gebrauch: „Angenommen wir haben ein Biedermeier-Möbel, in das später Sprungfedern eingebaut wurden. Wenn ich für den musealen Bereich arbeite, lasse ich die Sprungfedern, weil das zu der Vita des Möbels gehört. Für den Kunden, der es täglich gebraucht, würde ich die Federung herausnehmen und ein Festpolster einsetzen. Dann kann man das Möbel lange gut nutzen“, erklärt er. In der Ausbildung lerne man, das Stück kunst- und baugeschichtlich einzuordnen – und erfahrene Restauratoren wüssten eben, dass in der Biedermeier-Zeit Sprungfedern noch nicht verbreitet waren und die filigranen Gestelle nicht für einen geschnürten Federsitz konstruiert wurden. Auch Chemie und Bauphysik der Werkstoffe gehören zur Ausbildung. „Die Reversibilität ist oberstes Prinzip. In zehn oder 20 Jahren müssen die verwendeten Materialien rückbaufähig sein.“ Auch alte Materialien wie Reh- oder Rosshaar müssen Restauratoren kennen.

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100 Jahre Polsterkunst
Edmund Graf hatte bereits 1966 seine Liebe zu Antiquitäten entdeckt, als er bei einem renommierten Frankfurter Betrieb mit sehr vermögender Kundschaft lernte. 1979 übernahm er gemeinsam mit seiner Frau Helga den elterlichen Raumausstatter-Betrieb in der dritten Generation. Seit 1991 ist Graf Restaurator im Handwerk. Seine Ausbildung absolvierte er in Kassel, heute wird sie auschließlich in Schloss Raesfeld angeboten. „Es existieren ja nur 14 Handwerksberufe, in denen es den Restaurator gibt. Der Raumausstatter zählt damit zu den Berufen, deren traditionelle Handwerkstechniken als wesentliche Voraussetzung für die Entstehung des Kulturerbes angesehen werden“, erklärt er stolz und plädiert an die Kollegen, sich auf die Alleinstellung des Polsterns zu besinnen: „Man sollte die traditionellen Arbeitstechniken weiter pflegen.“ Es sei nachhaltig, Möbel wieder zu beziehen und traditionelles Polstern arbeite mit Naturstoffen. Graf ist überzeugt: „Nur so können wir gegenüber anderen Gewerken konkurrenzfähig bleiben.“ Seinen eigenen Betrieb sieht er für die Zukunft gut aufgestellt: Genau 100 Jahre nach der Gründung übernimmt die nächste Generation das Ruder. Im vergangenen Jahr gab Graf den Stab an seinen Nachfolger Jerome Wölfert weiter. Seitdem arbeiten beide Seite an Seite, Helga Graf ist noch halbtags in Verkauf und Beratung tätig. „Es war ein Idealfall, einen jungen Mann zu finden, der engagiert ist und über das handwerkliche Know-how verfügt.“ Jerome Wölfert ist Meister und möchte sich wie sein Vorgänger zum Restaurator ausbilden lassen.

Mehr zum Thema Restaurierung und der Weiterbildung zum Restaurator lesen Sie in der Oktober-Ausgabe der RZ.

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